Wenige Meter von der Karlsbrücke entfernt liegt ein Gebäudekomplex, den viele Touristen auf dem Weg zur Burg einfach übersehen. Das Klementinum ist nach der Prager Burg der zweitgrößte historische Gebäudekomplex der Stadt, auf rund zwei Hektar Fläche. Im Inneren verbirgt sich ein Raum, der regelmäßig zu den schönsten Bibliothekssälen der Welt gezählt wird, wenn auch nur mit dieser Einschränkung: Betreten darf ihn niemand mehr.
Von der Jesuitenschule zur Nationalbibliothek
Die Jesuiten kamen Mitte des 16. Jahrhunderts nach Prag und richteten im ehemaligen Dominikanerkloster St. Clemens ihr Kolleg ein, daher der Name Klementinum. Zwischen 1653 und 1726 wuchs der Bau zu dem Komplex heran, der heute noch steht. Den barocken Kern, zu dem auch der Bibliothekssaal gehört, bauten sie in den 1720er Jahren. Nach der Auflösung des Jesuitenordens 1773 übernahm zunächst das erzbischöfliche Seminar das Gebäude, seit 1781 sitzt hier die tschechische Nationalbibliothek. Kaiser Joseph II. ließ die Bestände aufgelöster Klosterbibliotheken hierher bringen, sein Porträt hängt bis heute am Kopfende des Saals.
Der Bibliothekssaal von 1722
Der eigentliche Barocksaal wurde 1722 fertiggestellt. Die Deckenfresken stammen von Jan Hiebl und zeigen allegorische Szenen zu Wissenschaft, Bildung und göttlicher Vorsehung. Dazwischen stehen Globen aus jesuitischer Fertigung, die den damaligen Kenntnisstand über die Erde und den Sternenhimmel abbilden. Heute lagern im Saal knapp 24.000 Bücher, ein kleiner Teil dessen, was die Nationalbibliothek insgesamt besitzt. Bücher mit weiß gestrichenen Buchrücken und roten Markierungen stammen noch aus der Zeit der Jesuiten, ihr System zur Kennzeichnung ist bis heute erkennbar.
Wichtig für den Besuch: Der Saal wird nur von einer Absperrung am Eingang aus gezeigt, betreten darf ihn wegen der empfindlichen Bausubstanz niemand mehr. Wer sich einen prunkvollen Raum zum Durchschreiten vorstellt, wird also enttäuscht, der Blick vom Eingang reicht trotzdem, um die Dimensionen zu erfassen.
Astronomischer Turm und Wetterstation
Zur Führung gehört meist auch der 68 Meter hohe Astronomische Turm, an dessen Spitze seit rund 300 Jahren die Statue des Atlas das Himmelsgewölbe trägt. Von 1842 bis 1928 wurde von hier aus den Prager Bürgern per Kanonenschuss oder Glockenschlag die Mittagszeit verkündet. Im Turm befindet sich außerdem eine der ältesten durchgehend betriebenen Wetterstationen Europas: Seit 1775 werden hier ununterbrochen Temperatur, später auch Luftdruck und Niederschlag gemessen, mittlerweile seit 250 Jahren. Die Daten fließen bis heute in die Klimaforschung ein.
Praktische Hinweise für den Besuch
Das Klementinum lässt sich nur im Rahmen einer geführten Tour besichtigen, die Führungen dauern etwa 45 Minuten und sind auf eine begrenzte Teilnehmerzahl beschränkt. An belebten Tagen sind die Tickets für den Vormittag oft schon vor 10 Uhr ausverkauft, wer sicher gehen will, bucht online vorab oder kommt kurz nach Öffnung. Der Aufstieg zum Turm führt über enge Wendeltreppen, festes Schuhwerk ist sinnvoller als Sandalen. Ein Abstecher zur benachbarten Spiegelkapelle lohnt sich zusätzlich, sie wird regelmäßig für klassische Konzerte genutzt und ist wegen ihrer Akustik bei Musikern beliebt.









