Die Prager Astronomische Uhr

Die Prager Astronomische Uhr

Was Besucher über den Orloj wissen sollten

An der Südwand des Altstädter Rathauses hängt eine Uhr, die seit über 600 Jahren läuft. Der Orloj, wie die Tschechen sie nennen, ist keine gewöhnliche Turmuhr. Sie zeigt Mitteleuropäische, Babylonische und Alttschechische Stundenzählung gleichzeitig, dazu die Position von Sonne und Mond, die Tierkreiszeichen und den aktuellen Monat. Für Touristen ist sie meist nur ein Fotomotiv zur vollen Stunde. Wer ein paar Hintergründe kennt, sieht deutlich mehr.

Wer die Uhr gebaut hat

Das mechanische Uhrwerk stammt aus dem Jahr 1410, gebaut vom Uhrmacher Mikuláš von Kadaň nach den astronomischen Berechnungen von Jan Šindel, damals Professor für Mathematik an der Prager Karlsuniversität. Die bekannte Legende von Meister Hanuš, dem die Stadträte angeblich die Augen ausstachen, damit er keine zweite, noch schönere Uhr bauen konnte, ist historisch nicht belegt. Ein Uhrmacher namens Jan Růže, im Volksmund Hanuš genannt, hat die Uhr tatsächlich existiert, allerdings erst Jahrzehnte später, bei einem Umbau. Die Legende hält sich trotzdem hartnäckig, jeder Stadtführer erzählt sie.

Was beim Stundenschlag passiert

Zwischen 9 und 23 Uhr öffnen sich zu jeder vollen Stunde zwei kleine Fenster über dem Zifferblatt. Die zwölf Apostel ziehen vorbei, während seitlich vier allegorische Figuren in Bewegung geraten: der Tod als Skelett, das eine Glocke läutet, dazu Eitelkeit, Geiz und ein Türke, der den Kopf schüttelt. Am Ende kräht ein goldener Hahn. Das ganze Schauspiel dauert kaum eine Minute. Wer zum ersten Mal davorsteht, ist oft überrascht, wie kurz und unspektakulär es tatsächlich ist, der Wert liegt eher in der Vorstellung, dass diese Figuren seit Jahrhunderten dasselbe tun.

Das Kalenderblatt unter der Uhr

Unter dem astronomischen Zifferblatt sitzt eine zweite, ruhigere Scheibe mit Monatsbildern und ländlichen Szenen aus Böhmen. Sie stammt nicht aus dem Mittelalter, sondern wurde 1865 von dem Maler Josef Mánes geschaffen, im Zuge einer großen Restaurierung im 19. Jahrhundert. Das Original hängt heute im Prager Stadtmuseum, am Rathaus selbst ist eine Kopie zu sehen.

Kriegsschäden und Restaurierung

Am 8. Mai 1945, während der letzten Kämpfe um Prag, setzten deutsche Einheiten das Altstädter Rathaus in Brand. Das astronomische Zifferblatt kam relativ glimpflich davon, die Apostelfiguren und Teile des Mechanismus mussten danach neu geschnitzt werden. Die heute sichtbaren Holzfiguren stammen größtenteils aus den Jahren 1948 bis 1970. Die bislang gründlichste Restaurierung fand 2017 und 2018 statt.

Praktische Hinweise für den Besuch

Der Blick auf das Figurenspiel ist kostenlos, ein Ticket braucht es nur für den Aufstieg auf den Rathausturm. Wer einen guten Platz will, sollte fünf bis zehn Minuten vor der vollen Stunde da sein, im Sommer sammeln sich oft mehrere hundert Menschen davor. Genau das macht den Altstädter Ring auch zu einem beliebten Ziel für Taschendiebe, die die Ablenkung ausnutzen. Wertsachen gehören während der Show nach vorn, nicht in die Gesäßtasche. Wer weniger Andrang mag, kommt früh morgens vor 9 Uhr oder bucht einen Blick vom Café gegenüber dem Platz.