Die Figuren der Prager astronomischen Uhr

Die Apostel
Die Apostel Bild: ThoralfSchade CC BY-SA 3.0

Die meisten Besucher schauen zur vollen Stunde nach oben, sehen kurz Bewegung, hören ein Glöckchen und einen Hahn krähen, und ziehen weiter. Dabei steckt in den Figuren rund um den Orloj mehr Symbolik, als sich in einer Minute erfassen lässt. Wer weiß, wer da eigentlich zu sehen ist, blickt beim nächsten Mal genauer hin.

Die zwölf Apostel

Zwischen 9 und 23 Uhr öffnen sich zu jeder vollen Stunde zwei kleine Fenster oberhalb des astronomischen Zifferblatts. Dahinter ziehen nacheinander die zwölf Apostel vorbei, jeder für einen kurzen Moment sichtbar, bevor er wieder im Inneren des Turms verschwindet. Die heute zu sehenden Holzfiguren sind nicht mehr die Originale, sie wurden nach der Zerstörung im Mai 1945 zwischen 1948 und 1970 vom Restaurator Karel Novák neu geschnitzt.

Die vier beweglichen Figuren am Zifferblatt

Direkt am Rahmen des astronomischen Zifferblatts sitzen vier Figuren, die sich während der Show ebenfalls bewegen, allerdings unauffälliger als die Apostel. Links stehen die Eitelkeit, die sich in einem Spiegel betrachtet, und daneben der Geiz, der einen Beutel mit Münzen in den Händen hält. Rechts befindet sich der Sensenmann als Allegorie des Todes, er dreht zum Abschluss der Show eine Sanduhr und läutet mit einer Glocke. Neben ihm steht ein Türke, der ursprünglich für die osmanische Bedrohung stand, in moderneren Deutungen aber auch als Allegorie der Wollust gelesen wird, er schüttelt während der Show den Kopf. Alle vier Figuren sind Nachbildungen des 19. Jahrhunderts, der Mechanismus dahinter folgt aber demselben Grundprinzip wie das mittelalterliche Original.

Der Hahn und die Turmglocke

Sobald der letzte Apostel vorbeigezogen ist, kräht ein goldener Hahn oberhalb der Fenster, danach beginnt die große Glocke an der Turmspitze zu schlagen. Das gesamte Schauspiel dauert kaum eine Minute, wer zu spät kommt, verpasst es komplett und muss bis zur nächsten vollen Stunde warten.

Die unbeweglichen Figuren neben dem Kalenderblatt

Weiter unten, direkt neben dem Kalenderzifferblatt mit den Monatsbildern von Josef Mánes, stehen vier weitere Holzfiguren, die sich nicht bewegen. Links ein Philosoph und ein Engel mit Flammenschwert, rechts ein Astronom und ein Chronikschreiber. Lange galten diese vier eher als Randfiguren, erst bei einer Reparatur 1945 bekamen Astronom und Chronikschreiber ihre heutigen Attribute, Fernglas und Buch, vom Bildhauer Vojtěch Sucharda in die Hände gelegt.

Der älteste Engel der Uhr

Zwischen den beiden Apostelfenstern, kaum auffällig zwischen den anderen Figuren, steht die älteste erhaltene Figur des gesamten Orloj: ein gotischer Engel aus dem 15. Jahrhundert. Genauer gesagt eine Kopie davon, das Original steht heute im Prager Stadtmuseum. Während die meisten anderen Figuren im 19. Jahrhundert erneuert wurden, geht dieser Engel in seiner Formensprache noch auf die Frühzeit der Uhr zurück.

Aktuelle Restaurierung

Die Holzfiguren leiden unter Wetter und, bei den beweglichen Figuren zusätzlich, unter der mechanischen Belastung durch den stündlichen Einsatz. Der Prager Magistrat lässt sie deshalb regelmäßig aus dem Turm nehmen und instand setzen, zuletzt wurden acht Statuen für eine solche Reparatur entfernt. Wer in dieser Zeit vor Ort ist, sieht die Show entsprechend unvollständig, ein Grund mehr, sich vorab zu informieren, ob gerade Restaurierungsarbeiten laufen.

Praktischer Hinweis für Besucher

Wer die Figuren wirklich erkennen will, sollte nicht direkt unter der Uhr stehen, sondern einige Meter zurücktreten, am besten auf die andere Seite des Altstädter Rings. Von dort lassen sich Eitelkeit, Geiz, Tod und Türke deutlich besser unterscheiden als aus der Menge direkt am Rathaus.